Kurzgeschichte “Büchel”

Illustration zur Kurzgeschichte “Büchel” mit den F-Diagnosen ICD10 F71 und F20 (Künstler: Uli Bendick)

“Karl liegt neben mir und schläft. Friedlich, leise lächelnd. Nur der Kopf mit dem unzähmbaren Haarschopf schaut aus seinem Schlafsack heraus. Wie entspannt seine Gesichtszüge sind! Er schläft den Schlaf des Gerechten, buchstäblich! Karl ist unschuldig und arglos, so lauter und unbedarft wie ein Kind. Aber Karl ist kein Kind. Karl ist fast dreißig. Er hat ein großes Herz und Bärenkräfte, aber den Verstand eines Siebenjährigen. Diagnose: mittelgradige Intelligenzminderung, ICD10 – F71. Ich weiß das, denn ich kenne mich damit ein bisschen aus. Nicht weil ich Psychiater wäre, nein, ich bin Physiker! …”

→ veröffentlicht in der Anthologie »Diagnose F – Science Fiction trifft Psyche«
Anthologie und Herausgeber sind nominiert für den renommierten Kurd-Lasswitz-Preis 2021!

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Wild Red № 42

Auszug aus der Kurzgeschichte

»Britannien, frohlocke, du nennst ihn dein Eigen,
vor dem Europas Bühnen sich verneigen.
Nicht einer Zeit gehört er, sondern allen Zeiten!«
(Ben Jonson, 1623)

Als Will in der Tür des Rusty Outpost erschien und die gut gefüllte Bar mit einem unverbindlich freundlichen Blick, aber unverkennbar wachen Auges auf einen freien Platz durchmusterte, wusste ich sofort, dass mir dieser Abend lange im Gedächtnis bleiben würde.
Celeste hatte mir gerade in ihrer unvergleichlichen Art mein zweites Bier derart unwirsch auf den Tisch gestellt, dass die Blume, weiß wie die Supernova eines Blauen Riesen, quer über den Tisch spritzte und mich, ohne dass ich den Krug hätte heben müssen, vom würzigen Hausbräu kosten ließ.
»Wahrscheinlich stimmt ihr Umsatz heute nicht«, dachte ich bei mir, und meine zwei Bier in einer knappen Stunde würden ihre Kasse wahrlich auch nicht heller klingeln lassen. Zumal der Ausschank schnöden Gerstensafts ja auch nicht wirklich ihr Job war und sie nur einspringen musste, weil die zickigen autonomen Bierbrunnen gerade mal wieder gehackt worden waren und alle am Tisch vom OO´Klaak festhingen, um ihm über seine fünf rosa Rüssel eine ekstatische Bierdusche zu verabreichen.

veröffentlicht in:
Das Alien tanzt im Schlaraffenland –
Schmackhafte SF und Fantastik aus einem hungrigen Universum

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Hinterhof

Auszug aus der Kurzgeschichte:
“Ich berühre das Fenster und blicke in den Hof. Die Zeit läuft: Da sind Menschen, verschwommen wie in Langzeitbelichtung, Bäume, im Wind zu breiten, grünen Flächen verweht – das Rot der Trümmer teils verwaschen.
Ich nehme die Hand vom Glas. Stopp. Echtzeit.
Rechts öffnet eine eingestürzte Fassade den Blick in den Himmel und zu den alten Pappeln im Park nebenan. Balken ragen aus dem urbanen Geröll wie die Finger eines Verschütteten. Licht fällt in den Hinterhof. Frauen sortieren die noch brauchbaren roten Ziegel für die Weiterverwertung, Bettlaken blähen sich auf improvisierten Wäscheleinen, ein alter Mann sitzt auf den Steinen und schaukelt einen Kinderwagen – es ist Kriegsende, Wiederaufbau, Juni ’47 …” Hinterhof weiterlesen

Operation Christbaum

Auszug aus der Kurzgeschichte:
“Vater war Gefängniswärter, aber ich glaube nicht, dass er sich selbst so bezeichnet hätte. Einerseits versuchte er, der in seinen jungen Jahren viel harte Arbeit, Entbehrung und auch Krieg erlebt hatte, ein Leben lang die luftigeren Fäden im grob gewirkten Stoff des Daseins zu erhaschen.
Er suchte die Wahrheit hinter den Dingen und das Schöne an ihnen und mit der so feinsinnigen und außerordentlich schönen – und leider später auch todkranken Frau – hatte er tatsächlich ein kleines Stück der unerträglichen Leichtigkeit des Seins für sich gewinnen können. Andererseits war er immer der Bauernbub aus dem bayerischen Hinterland geblieben und der Wald – das Holz, wie dieser Pars pro Toto genannt wurde – war tief in ihm verwurzelt. … Operation Christbaum weiterlesen

Eine kurze Geschichte mit Zeit

Auszug aus der Kurzgeschichte:
Kurt fuhr den PC hoch. Die alte Kiste startete mit einem mächtigen Seufzer ihres Gebläses und gewährte Kurt für die nächsten zwei Minuten einen spannenden Blick auf eine sich drehende Eieruhr.
»Ich muss mir dringend einen neuen Rechner kaufen, was der mir an Zeit stiehlt«, sagte sich Kurt zum wiederholten Mal und versuchte, seine Augen von dem tanzenden Zeitgeber zu lösen. »Aber mit was?«

Kurt befand sich in einem Dilemma: Er war Schriftsteller, daran glaubte er fest. Denn ohne rot zu werden konnte er von sich sagen, dass er Schriften erstellte. Aber genau da lag der Hund begraben und der Hase im Pfeffer: Schriften erstellt man im 21. Jahrhundert mit einem Computer. Wenn man gut oder viel und am besten gut und viel schriftstellert, kann man damit Geld verdienen. Mit dem Geld kann sich der Schriftsteller moderne, flotte Rechner kaufen, mit spezieller Schreibsoftware, Autorenprogrammen und Recherchemodulen. Und kann dann damit schnell weitere gute oder zumindest viele neue Schriften erstellen und verkaufen usw. usf.
Aber Kurt hatte kein Geld für einen neuen Computer und so musste er warten und warten und oft ertappte er sich bei dem nutzlosen Gedanken, dass er der Eieruhr auf irgendeine Weise einmal den schlanken Hals umdrehen würde … Eine kurze Geschichte mit Zeit weiterlesen

Das Alien tanzt Kasatschok

Cover von Das Alien tanzt Kasatschok

Auszug aus der Kurzgeschichte:
Angefangen hat alles, als der Kühlschrank kein Bier mehr bestellte. Dachte mir: shit, der smartCooler® ist kaputt. Aber da war das rote, blinkende Info–Hologramm über dem Flaschenhalter:
»Ihre Leberwerte sowie das EtG–Urinscreening geben digitalHealth Anlass zu Besorgnis. Der Konsum von alkoholhaltigen Getränken wird eingeschränkt. Sie können die Tür erst schließen, wenn Sie der Maßnahme zustimmen. digitalHealth bittet um Verständnis und kommt für etwaige  Schäden an den verderblichen Gütern im Kühlschrank nicht auf. Sagen Sie »ok«, wenn Sie die Bedingungen akzeptieren und schließen Sie die Tür« … Das Alien tanzt Kasatschok weiterlesen

Tausche den Tod

Ich schlafe nicht, mein Geist läuft mit der Sonne um die Wette. Seit Tagen arbeite ich an der Goldbachschen Vermutung. Ich weiß nicht, ob die Lösung der Frage, ob jede gerade Zahl größer als 2 als Summe zweier Primzahlen geschrieben werden könne, mich der Rettung der Welt näher bringt, aber sie hat mich förmlich angesprungen. Wie auch das Drehbuch-Projekt oder der Versuch, den Stammbaum des Menschen anhand der Funde in der Rising-Star-Höhle in Südafrika umzuschreiben. Hilfreich dagegen ist die Beschäftigung mit der Linguistik nach Saussure. Das gibt mir ein neues Gefühl für den fremden Code. Und führt mich auch zurück zu Suzette Haden Elgin. Die Science Fiction Autorin der 1980er Jahre hat die linguistischen Grenzen in der Kommunikation zu Aliens als auch zwischen den Geschlechtern erzählerisch erforscht. …
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Tränen im Staub

Karl schälte sich langsam aus seinen Träumen. Regen! In Böen prasselten die Tropfen an das Fenster. Das hörte sich gut an! Aber selbst in der Dämmerwelt kurz vor dem Erwachen wusste er: das konnte nicht sein, es ist nur ein Traum.
Am Waschtisch: Ein halber Liter Wasser, Waschlappen und wenig Seife, biologisch abbaubar. Er musste sparsam sein mit dem Wasser, sein Monatskontingent an Brauch- und Trinkwasser war fast aufgebraucht.
Nach einer Tasse Kaffee-Ersatz machte sich auf seinen täglichen Weg zum Fraunhofer-Absorber. Die Anlage zur Wassergewinnung aus der Luft lag etwas außerhalb der Stadt und er musste sich beeilen, bald würde es heiß werden. Sandwehen türmten sich in den Häusernischen, Karls schneller Schritt ließ Staubfontänen aufsteigen. … Tränen im Staub weiterlesen