Autorenkreis der Bundesrepublik „erkundet“ die Demokratie

Zwei Männer in Expeditionskleidung stehen am Ortsschild „Demokratie“ vor dichtem Dschungel; einer blickt mit Fernglas ins Gelände, der andere schreibt an einer Schreibmaschine.
Forscher und Schriftsteller beim Erkunden eines vermeintlich unbekannten Terrains. KI-Symbolbild.

Irritationen, Fragen und Befunde zum Neustart

Über Hinweise anderer Autoren wurde ich auf den „Neustart des Autorenkreises der Bundesrepublik“ aufmerksam – ein Zusammenschluss, der mir bis dahin völlig unbekannt war. Angekündigt wurde der Neustart per Pressemitteilung und Online-Info:
https://autorenkreis.wordpress.com/2025/10/27/der-autorenkreis-startet-neu/

Neugier also. Und dann ein gewisses Stirnrunzeln.

Der Autorenkreis firmiert ab jetzt – so heißt es in der PM und auf der Website – unter dem Motto „Forum für Literatur und Erkundung der Demokratie“. Diese Formulierung hat mich innehalten lassen – und treibt mich um.

„Erkundung der Demokratie“ – ein schiefer Begriff

Erkundung“ ist ein Wort, das man eher aus anderen Zusammenhängen kennt:

  • aus der Ethnologie (fremde Kulturen),
  • der Geografie (unbekanntes Terrain)
  • oder der Forschung (noch nicht verstandene Phänomene).

Übertragen auf Demokratie klingt das, als wäre sie etwas Fremdes oder noch zu Entdeckendes. Das ist bemerkenswert, leben wir doch (noch) in einer Demokratie – sie ist kein unbetretener Urwald und kein Exoplanet. Für ein literarisch-politisches Forum wirkt diese Wortwahl auf mich eigentümlich realitätsfern, ja tendenziös.

Der frühere Bezug auf „Literatur und Politik“ war klarer, konflikthaft, riskanter. „Erkundung der Demokratie“ hingegen verschiebt den Fokus: weg von konkreter politischer Auseinandersetzung, hin zu Beobachtung, Meta-Ebene, diskursiver Vorsicht. Das mag dialogisch gemeint sein – es wirkt aber auch entschärfend.

Kontext und frühere Kontroversen

Diese sprachliche Verschiebung erscheint mir nicht zufällig. Vielleicht ist sie auch eine Reaktion auf frühere Kontroversen des Autorenkreises.
Laut öffentlich zugänglichen Darstellungen (u. a. Wikipedia) gab es:

  • offene Briefe des Autorenkreises gegen bestimmte mediale Berichterstattungen, darunter den Vorwurf einer zu China-freundlichen Ausrichtung der Deutschen Welle, verbunden mit Forderungen nach weitreichenden redaktionellen Überprüfungen; diese Aktion zog eine scharfe Gegenerklärung der Heinrich-Böll-Stiftung nach sich.
  • Austritte von Mitgliedern, die ihre Entscheidung unter anderem mit der Wahrnehmung deutschnationaler Tendenzen innerhalb des Kreises begründeten.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Autorenkreis_der_Bundesrepublik

Vor diesem Hintergrund wirkt der Wechsel hin zur „Erkundung“ auf mich weniger unschuldig, sondern eher wie der Versuch, politische Reibung sprachlich zu glätten.

Der äußere Eindruck: Neustart mit handwerklichen Schwächen

Abseits der inhaltlichen Fragen hinterlässt auch der äußere Auftritt des Autorenkreises einen irritierenden Eindruck:

  • Die Website läuft auf einer WordPress-Standarddomain, was für einen bundesweit auftretenden Autorenkreis erstaunlich wirkt.
  • Es finden sich Standard-Social-Media-Buttons, unter anderem zu X, aber keine Anbindung ans Fediverse – für ein literarisches, diskursorientiertes Projekt zumindest erklärungsbedürftig.
  • Es gibt Broken Links, etwa:
    http://www.autorenkreis-bundesrepublik.de/foerderer.html
  • Kleine Bilder werden als große Beitragsbilder verwendet, was zu sichtbaren Unschärfen und einem insgesamt unprofessionellen Eindruck führt.
  • Eine klare Möglichkeit zur Mitgliedsanmeldung habe ich nicht gefunden – auch wenn ich das keineswegs in Erwägung ziehe, ist es für einen „Neustart“ ein bemerkenswertes Versäumnis.

Natürlich: All das kann einem Umbau geschuldet sein. Aber wenn man den Neustart öffentlich und programmatisch groß ankündigt, sollte zumindest die Oberfläche ein Mindestmaß an Sorgfalt und Kohärenz widerspiegeln.

Fazit (ohne Schlussstrich)

Vielleicht ist der Autorenkreis der Bundesrepublik tatsächlich auf der Suche nach einer neuen, zeitgemäßen Rolle. Vielleicht ist „Erkundung der Demokratie“ der Versuch, Anschlussfähigkeit herzustellen, ohne sich erneut angreifbar zu machen.

Für mich bleibt vorerst ein ambivalenter Eindruck: eine sprachlich weichgezeichnete Programmatik, ein konfliktscheuer Ton – und ein Auftritt, der dem eigenen Anspruch (noch) nicht gerecht wird.

Erkundet wird hier vor allem eines: die Frage, wie viel politische Klarheit ein literarisches Forum heute noch zu tragen bereit ist.

 

 

 

Veröffentlicht von

Johann Seidl

my artwork - Texte und Bilder

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