Leuchtturm der Zeit

von Johann Seidl

Auf einer wackeligen Kreisbahn
im Orbit um dein Licht
bleib ich frei und gefangen
frei und gefangen
frei und gefangen
bis die Flamme erlischt

Magnus von Asphodel

In den Tiefen des Weltraums, dort, wo an den Scherflächen überschwerer dunkler und leuchtender Massen die Gesetze von Raum und Zeit sich von der Materie lösen, wo Mahlströme aus gefangener und befreiter Entropie in einem kosmischen Pastiche verdrehter Geometrien die Realität selbst infrage stellen; vor dem Bernstein-Nebel, wo ionisierte Molekülwolken im Flackern aufflammender Supernovae Waldwesen und Baumgestalten als Scherenschnitte auf die Leinwand der Hintergrundstrahlung projizieren – dort steht im amberfarbenen Licht alter Überriesen der Leuchtturm von Asphodel.

 

*

Magnus streckt die zitternden Hände dem gebändigten Sternenfeuer im Kamin des Leuchtturms entgegen. Alt und gebeugt, die Haare so weiß wie der Dunst der entarteten Materie jenseits der mächtigen Mauern, kriecht die Kälte des Weltalls unter seine faltige Haut. Seit Jahrhunderten lotst der alte Leuchtturmwärter Raumschiffe und Zeitreisende durch die Abgründe und Untiefen der extradimensionalen Verwerfungszone. Und fast genauso lange wartet er auf die Rückkehr seiner großen Liebe.

Irgendwo da draußen, jenseits der Großen Mauer von Corona Borealis, im langen Danach oder kurzen Davor, segelt Aurelia auf den Wellen dunkler Energie, erschafft und zerstört Sternenreiche, tötet Zeitdrachen in ihren Verstecken nahe der Singularitäten und wirft Dämme auf aus dunkler Materie gegen den Big Rip und zum Schutz Leben tragender Systeme. Magnus war noch jung, als sich, angezogen vom Signalfeuer des Leuchtturms, eine Reisende ins Konkrete fallen ließ für eine dringende Reparatur ihres Containments. Einer der Aggregatoren war ausgefallen und ein neuer musste im nächstgelegenen Blauen Riesen aus einem Quantenkeim heranwachsen.

In dieser Zeit verliebte sich Magnus in sie und sie in seine Musik verflochtener Gravitationswellen. Alle Leuchtturmwärter waren Musiker. Ihre intuitiven Fähigkeiten zur harmonischen Modulation von Frequenzen und Amplituden machten sie zu natürlichen Dirigenten der monströsen Kräfte vor den Schilden der Leuchttürme.

Jene Kräfte jedoch, denen die beiden Liebenden ausgesetzt waren, überstiegen die Künste des jungen Leuchtturmwärters. Wie eine unendliche Beschleunigung auf eine unendliche Masse trifft, kollidierten ihrer beider Weltlinien. Unter Tränen aktivierte Aurelia ihr instand gesetztes Containment und unter Tränen winkte ihr Magnus hinter den Schutzfeldern nach. Zurück blieb ein Versprechen: Ich komme wieder!

Mag ihre Liebe auch unsterblich sein – er ist es nicht.

Magnus wartete. Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt glättete seine Sphärenmusik die vieldimensionalen Brüche in Raum und Kausalität, schickte der Leuchtturm seine pulsierenden Signale in die Unendlichkeit, zum sicheren Geleit bewusster Daseinsformen durch die Wogen der Raumzeit, vorbei an gierigen Massen und zermalmenden Impulsen. Jahrhundert um Jahrhundert. Wartete auf die einzigartige Signatur ihres Raumschiffs, auf ihr schnelles Lachen, unversehrt von der Zeit.

Darüber ist er alt geworden. Die Knochen schmerzen vom Äonen währenden Druck geschundener Strahlung und Materie jenseits der Mauern und aus seinen ehemals wuchtigen Schwerkraftchorälen wurden leise Lieder. Seine Tage sind gezählt.

Natürlich könnte er das pulsierende Potenzial des Leuchtturms in eigene Lebensenergie transformieren für ein weiteres Millennium an Lebenszeit, für noch einmal tausend Jahre Hoffen und Warten. Doch dies würde das die Raumzeit durchdringende Leuchtfeuer auf ebenso viele Jahre trüben und sichere Navigation vorbei an relativistischen Untiefen und chaotischen Quantenriffs in Gefahr bringen – wie auch alle Wegweisung aus Not oder Richtung Heimat.

*

In den Tiefen des Weltraums, im goldenen Schimmer des Bernstein-Nebels, steigt Magnus hinab in den Maschinenraum des Leuchtturms, öffnet den Konverter und vereint sich mit dem pochenden Herz der multiversellen Maschine. Der Herr der Photonen ist bereit für die Wandlung der Energien, bereit für die Transformation. Magnus legt den Hebel um.

 

Aufgeladen von der baryonischen Materie des Leuchtturmwärters und gespeist aus den Feldpotentialen seiner Liebe und Lebenskraft, sendet der Leuchtturm von Asphodel einen gewaltigen Lichtstoß weit über die bisherigen Grenzen hinaus, dessen letztes Glühen gerade noch das dunkle Nichts um Aurelia durchbricht.

Vor Jahrhunderten in der Akkretionsscheibe eines primordialen Schwarzen Lochs gestrandet, nur ein Augenzwinkern vom Urknall entfernt, findet sie endlich den Weg zurück.

Veröffentlicht von

Johann Seidl

my artwork - Texte und Bilder

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